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Sprache der Liebe

Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Frauen wie Männer, die der heimlichen Liebe nachjagten, eine eigene Art der Verständigung über Zeichen und Körpersprache gefunden, um sich gegen Verbote und Tradition durchzusetzen. Aus dieser Zeit berichtet der bekannte Schriftsteller Ahmet Rasim (1864-1932) als Zeuge mit süßer Zunge: "Beim Liebkosen und Tändeln hatte ich begonnen in der Sprache der Liebe zu reden. 

Um es zur Vollkommenheit zu bringen, hätte ich noch viele Jahre gebraucht. Besonders die "Pantomime" fiel mir sehr schwer. Damals war es unmöglich, dass man wie heute nebeneinander hergehen, in irgendeinem Laden, in der Straßenbahn, im Schiff miteinander reden konnte oder aber zusammen in einen Wagen stieg.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass die Polizei einen Freund aufgriff, der in einer Seitenstraße mit einer Negerin gesprochen hatte, was ein Beamter gesehen hatte. Um dem Kommissar deutlich zu machen, dass es seine Kinderfrau gewesen war, brachte er Stunden auf der Zentralwache zu. (Damals waren Negerinnen oftmals als Kinderfrauen beschäftigt!). 

Das heißt also, dass es sehr gefährlich war "in verlassenen Gegenden du bist mein, ich bin dein" zu praktizieren. Diese Zeichensprache, das Winken mit den Augen, das Losungswort, die Absprachen waren eine Wissenschaft, ohne Bücher, alle diese Art von Gebärden hatten wieder Unterteilungen. Wenn die Verliebten auch vom Scheitel bis zur Sohle verhüllt waren, konnten sie sich durch die Art der Kleidung immer nach Ort und Zeit verständlich machen, durch eine Sinnesempfindung, durch ein Wort, durch ein Gespräch oder durch ein bedeutungsvolles Zeichen.

Diese Zeichen, "ismar" genannt, spielten eine wichtige Rolle, wenn man im Wagen oder Boot unterwegs war, wenn man auf der Straße sogar auf unterschiedlichen Straßenseiten ging, wenn man von Weitem verfolgt wurde, oder jemanden direkt hinter sich hatte, wenn man sich gegenüberstand, wenn man aneinander vorbeistreifte und weiterging, die Hosenfalte richtete, den Schnürsenkel band, alle Dinge, die einen zum "Stillstehen" zwangen, alle Unterhaltungen von Fenster zu Fenster, in Häusern, Flanieren vor Geschäften, nächtliches Husten, das Anzünden von Zündhölzern, festes Auftreten, am Tage ein Taschentuch oder ein Stück Papier in der Hand tragen, alles das gehörte zu diesen bedeutungsvollen Zeichen. 

Diese "ismar" unterschieden sich von Person zu Person und je eigener sie waren, erweckten sie Gefühle, Geschlechtsbezogene Fertigkeiten und zeigten im Gedächtnis eine besondere Art von Verständnis und Auffassung. Zum Beispiel bin ich in der Zeit, in der ich private Beziehungen zu Frauen unterhielt, auch private Paroli und Absprachen eingegangen.

Wenn die Frau, mit der ich in Verbindung stand, auch ihre Augen mit einem Gesichtsschleier verdeckt hatte, signalisierte sie mir durch einen Haarknoten auf dem Kopfe, dass wir uns zu einem entfernten Platz wenn sie keinen Knoten trug, zu einem nahe gelegenen Platz begeben würden. Auch die Art ihrer Kleidung gab mir nach Losungsworten zu verstehen: 

"Ich gehe jetzt nach Hause, hast du das verstanden? Ich erwarte dich!"
Wenn sie den Straßenschleier mit der Hand festhielt, oder besonders sorgfältig gekleidet war. zeigte sie mir, dass sie zu einer Hochzeitsfeier oder einem wichtigen Besuch unterwegs war, vor allem, wenn sie an gewöhnlichen Wochentagen, nicht an den Tagen, wo man sich sowieso draußen sehen ließ, in einen Wagen stieg und vorbeifuhr, hieß das, wir können uns ein, zwei Tage nicht sehen, ich fahre an den Bosporus oder übers Meer, auf die Insel oder nach Kadiköy. 

Falls sie wie eine Dienerin gekleidet mit verschleiertem Gesicht oder in ungewöhnlicher Kleidung herauskam, machte sie mich darauf aufmerksam, dass sie beschattet würde. Je nachdem ob sie den Kamm rechts oder links am Überwurf trug (Kämme waren in der Traumdeutung sogar ein Symbol für strenge Zucht!), teilte sie mir mit, dass sie unbedingt einen Besuch bei ihrer Mutter oder Schwiegermutter zu machen habe.

Ihre wirren Locken bedeuteten mir, dass sie meinetwegen die Nacht schlaflos verbracht habe, oder ihre Augen zeigten, dass sie in der vergangenen Nacht kein Auge zugetan habe. Das Zwinkern ihres rechten Auges sagte, dass sie viel Vergnügen mit mir habe, einmaliges Zwinkern ihres linken Auges, dass sie um ein Uhr, zweimaliges Zwinkern, dass sie um zwei Uhr auf mich warte. Wenn sie ihre beiden Augen schloss und einen Augenblick so verharrte, teilte sie mir mit, dass sie in ein bis zwei Stunden zurückkehre, falls sie die Augen gleich wieder öffnete dauerte die Zeit bis zur Rückkehr eine halbe Stunde. 

Der Fächer in ihrer Hand, den sie nachdenklich an die rechte Schläfe führte, signalisierte, dass sie unter innerem Druck stand, aber trotz dieses Druckes an mich denke, ein drohender Blick auf jemanden neben ihr wies daraufhin, dass die Person keinesfalls Mitwisser sei, ein Lächeln und Blicke zwischen einer Person und mir bedeutete, dass sie mich in Abwesenheit vorzustellen gedenke, plötzlich hochgezogene Brauen warnten: Um Gottes Willen, komm nicht, schau nicht her. 

Augenzwinkern und Mundbewegungen sagten, was sie meine, Hände, die am Wagenfenster hervorlugten, zeigten mit der Anzahl der Finger die Zahl der Tage bis zu unserm nächsten Treffen, wenn sie zu Fuß unterwegs war und Handbewegungen machte, als wolle sie ihren Kopfputz richten, hieß das, ich will dich unbedingt von Angesicht zu Angesicht sehen, falls sie den Gesichtsschleier hob und sofort wieder senkte, dass sie am nächsten Tag wieder hier vorbeikomme, falls sie den Schleier sofort senkte oder den Schirm aufspannte, folge mir nicht, wenn sie den Kragen zurecht zog und schnellen Schrittes weiterging, wir können uns später treffen, falls sie Gesichtsschleier oder den Umhang seitlich zusammen raffte, und nach vorne zog, du kannst dich auf meine Gangart einstellen und mir folgen, wenn sie in aller Schicklichkeit einen Blick rückwärts warf, verstand ich, dass ich ein wenig näher herankommen dürfe, wenn sie beim Gehen sehr oft anhielt oder plötzlich stehen blieb, dass sie keine Kraft mehr aufbringen könne, um es kurz zu machen, wenn ich hinter ihr herging oder ihr begegnete, konnte ich aus den Bewegungen des Kopfes, der Schultern, aus Blicken nach hinten oder aus der Art, wie sie ihre Füße setzte erkennen, wie es um sie stand und was sie beabsichtigte.

Sie können sicher gehen, dass die meisten dieser Zeichen sofort zu verstehen waren, die eigentlich wortreicher Erklärungen bedurft hätten, das lag in der Natur der Liebe. Was versteht man schon durch ein Taschentuch? Wenn es an die Augen geführt wird und an die Augen gedrückt wird, wenn nur ein Auge mit ihm berührt wird, wenn damit die Stirn gewischt wird, wenn es an Nase und Mund geführt und dort ein wenig oder mehr gehalten und wieder fortgenommen wird, wenn es wie ein Fächer benutzt wird, es sagt "weinen", "wo habe ich dich nur gesehen, hätte ich dich nur nicht gesehen", "bei meinem Augenlicht, die Untreue, die du mir zuschreibst, ist unberechtigt, sie ist nicht wahr", "sie beobachten uns", "hüte dich vor der Person neben mir", "ich bin entbrannt", "wann wird dieses Feuer erkalten, ach...", "ich will aber nicht, dass es erkalte", wie der Dichter sagt "warum soll ich dem Feuer des Herzens nicht widerstehen", "wenn ich das gesagt haben soll, was du mir mitteilen ließest, soll mein Mund vertrocknen"; "ich halte mein Wort", "ich weine oder ich kann nicht weinen", "was ich dir alles zu sagen habe, du Grausamer! "All diese und ähnliche Dinge konnte man mit dem Taschentuch ausdrücken.

Wenn man mit dem Schirm im Boot war... Und sich ein wenig zur Seite neigte, "ich bin gekränkt", sich noch mehr neigte "ich bin dir bei Gott böse", wenn sie das Gesicht vollständig verbarg "du wirst mein Gesicht niemals mehr sehen", oder "ich will dich nicht sehen, hast du das nicht verstanden?", wenn sie den Schirm von der rechten auf die linke Bordseite bewegte: "Halt nicht an, fahr vorbei!", "Kehr um und fahre zurück!", wenn er leicht nach vorne fiel, "ich bekomme sehr starkes Herzklopfen", wenn sie sich nach hinten begab, "oooooh," wenn sie ihn ganz nach hinten lehnte,  "du siehst in welcher Lage ich bin, habe Mitleid mit mir", sie sagt, wenn sie den Schirm seitlich hielt, "Herrlich! Welches Glück!", wenn sie ihn zumachte und wieder öffnete, "heute Nacht nicht, aber morgen", wenn sie ihn ganz schloss, bedeutete sie mir: 
"Wir werden uns später über den Tag einigen!".

All dieses Ausweichen, die heimlichen Begrüßungen, das Heben der Brauen, die schmachtenden Blicke, herausfordernd oder begeisternd, verweinte Augen, sehr deutliche Blicke, Seufzer, das Spitzen der Lippen, sie zittern lassen oder sie aufwerfen, in die Lippen beißen, das Einziehen der Wange, bis sie wie eine Grube wirkt, Das Saugen an der Lippe, Schlucken, jede Art den Kopf zu bewegen, die Hand zum Herzen führen, Stöhnen, die Augen schließen und tief einatmen, zartes Lächeln, lächeln und vor sich auf den Boden schauen, lächeln und den  Kopfdrehen, aufmerksame Blicke um sich werfen und die Augen senken, Nichtbeachtung, den Zeigerfinger zum Munde führen und wissen lassen, "ich tat ein Versprechen", bedeuten, dass man etwas zu sagen habe, die Stirne runzeln, die Augenstarr nach vorne gerichtet, die Nase rümpfen, trauriger Ausdruck, Stirnrunzelnd warnen" man sieht uns, schau nicht so offensichtlich hierher", mit dem Ellenbogen am Bootsrand abgestützt, den Kopf auf der Faust liegend, den Gesichtsschleier oder den Teil des Umhangs, der die Beine bedeckt, richten, der Versuch einen Gegenblick zu erhaschen, das Ziel im Blickwinkel den Kopf wenden, den Hals aufblasen oder wenden, Wortwechsel mit Begleiterinnen, anstoßen, mit Hand oder Fuß berühren, plötzliches Interesse für vorbeifahrende Kähne oder Boote, hinter sich schauen, Dankesbezeugungen mit den Augenlidern, wobei man die Lider ganz langsam senkt und sie leicht wieder anhebt, um zu sagen: "Lass mich nicht reden, du Tyrann, du weißt nicht, was sich in meinem Inneren verbirgt!", mit kräftigen Atemstößen wird diese Feststellung bekräftigt, zwischen den Zähnen: "Oh Gott! Oder du Unmenschlicher!" Murmeln, den Mund für Küsschen spitzen, Worte, die sie verstehen sollen, im Vorbeigehen auffangen, wie: "Hast du verstanden, beim nächsten Treffen?", dabei Augenaufschlag und Kopfdrehung, Boote in eine ungewöhnliche Richtung lenken oder an einem falschen Platz anlegen lassen, dabei heimlich unter dem Schirm tuscheln, während des Gesprächs, die Schulter auffällig bewegen, oder aber mit dem linken Auge jemanden leicht musternd, ein sehr höfliches verkürztes "efendim", "fem...", was etwa "wie bitte" heißt, erklingen lassen, sobald man das Wort gemurmelt hat, die Lippen zusammenpressen, den Kopf in die Entgegengesetzte Richtung wenden, das Tuch um Schulter und Hüfte richten, all dieses zusammengenommen sind Methoden und Arten sich in einer eigenen mimischen Sprache zu verständigen.

Flüchtige Bekanntschaften, erste Begegnungen, Beziehungen die im Laufe der Zeit abgenutzt sind, Erzürnt sein, Trennungen, erwachsen aus diesen Formen. Briefe werden aus diesem Grunde geschrieben, Nachrichten, Vorwürfe, Dankesworte, Herzensströme, Bitten, Ausflüchte, Rivalität, Eifersüchteleien wurden auf diesen Zeichen errichtet. Jetzt ist uns von den "Pantomimen" nichts nachgeblieben.

Die Feinheit von Herzensgedanken und Wünschen ist verloren gegangen, es ist ebenso nicht mehr notwendig, die Seele, ihr Innerstes und das, was sie tief bewegt, hervorzukehren. Hurerei erfüllt leere und zerstreute Straßen, geschieht an Mauerecken, an armseligen Behausungen und an öden Plätzen, am Meeresufer und unter Bäumen im Schatten.

Die ehemalige Unzucht, die immer darauf bedacht war, dass niemand davon erfuhr, würde heutzutage, wenn sie ihre Augen aufmachen könnte, die heutigen Skandale in aller Öffentlichkeit mit ansehen und ich denke, sie würde sich darob schämen und förmlich Blut schwitzen.